Internationale Konzerne arbeiten schon lange in verteilten Teams – als OEM und Engineering-Dienstleister – zusammen, aber Mitarbeiterengpässe stellen die Betriebe vor immer größere Herausforderungen. Prognosen über die Abkehr von den Ingenieurfächern auf den Unis stimmen nicht freundlicher. Mit nachhaltigen Jobs in einer boomenden Branche und der Flexibilität neuer Arbeitsformen will man vor allem auch für Frauen den Einstieg in die Technologiebranchen attraktiv machen.

In einer Expertengespräch diskutieren Mag. Hannes Boyer, CEO des Technologiekonzerns Thales in Österreich und DI Michael Sinnl, Direktor Business Development von Akkodis in Österreich mit dem Wirtschaftsinsider darüber, welche Rolle Nachhaltigkeit in der Bahnbranche spielt, wie Smart Working funktioniert und wie Hannes Boyer in seiner Rolle als Präsident der Österreichischen Bahnindustrie beitragen will, das Jobprofil in der Bahnindustrie attraktiver zu gestalten.

Die Thales Gruppe ist mit 80.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 16,2 Mrd. Euro ein weltweit führender Anbieter von Spitzentechnologien. Investiert wird vor allem in digitale und „Deep Tech“-Innovationen – Konnektivität, Big Data, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Quantentechnologie. Zu den Kunden zählen vorwiegend Unternehmen, Organisationen und Regierungen aus den Bereichen Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Transport sowie digitale Identität und Sicherheit.

In Österreich entwickelt Thales modernste Lösungen im Bereich Signal- und Sicherungstechnik für die Bahnen rund um den Globus. Allen voran zählt die ÖBB Infrastruktur zu den wichtigsten Kunden, generell sind es vor allem die Bahninfrastrukturbetreiber in Ländern wie Ungarn, Bulgarien, Slowenien wo man von Österreich aus erfolgreich den Markt bedient. Zuletzt hat sich der südost-asiatische Raum als Zukunftsmarkt erwiesen. „Wir beschäftigen ein internationales Team von rund 450 Expertinnen und Experten aus 25 Nationen; etwa zwei Drittel sind hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieuren. Unsere Stärke war es dabei immer, durch unsere eigene umfassende Entwicklungskompetenz am Standort in Wien Kundenbedürfnisse gut zu verstehen und Lösungen entsprechend flexibel anpassen zu können“, sagt Hannes Boyer. Neben der hohen Wertschöpfungstiefe in Österreich sieht er vor allem die interkulturellen, diversen Teams als wichtigen Erfolgsfaktor.

Der Eisenbahnmarkt boomt – nicht nur in Österreich. Die Klimakrise macht die Bahn zum wichtigsten Faktor, wenn es um eine erfolgreiche Mobilitätswende geht. In Österreich sollen laut Rahmenplan in den Jahren 2021 bis 2027 gleich 18,2 Mrd. Euro investiert werden. Demgegenüber steht allerdings ein angespannter Arbeitsmarkt, wo gut ausgebildete Ingenieure vor allem für technologiegetriebene Unternehmen immer mehr zur Mangelware werden.

Hier kommen Technologie-Dienstleister wie Akkodis ins Spiel. Michael Sinnl sieht sich „in der Rolle als Innovations- und Time-to-Market-Beschleuniger: „Mit freien Kapazitäten und dem Know-how für bestimmte Entwicklungsthemen und -projekte können unsere Kunden ohne lange Onboarding Prozesse Projekte beschleunigen.“

Erst kürzlich wurde die AKKA Gruppe mit weltweit 20.000 Beschäftigten mehrheitlich durch die Adecco-Gruppe übernommen. Durch die Zusammenlegung der Adecco-Firma Modis mit AKKA kommt man nun weltweit auf insgesamt 50.000 Technik- und Digitalexpert:innen und wird zukünftig als Akkodis firmieren.

Auch Thales arbeitet bereits seit vielen Jahren erfolgreich mit Akkodis in Deutschland, Italien und Frankreich zusammen. Jetzt hat man eine Kooperation in Österreich gestartet. „Wir sehen, dass internationale Konzerne wie Thales es schätzen, wenn auch wir als Technologiedienstleister an allen relevanten Standorten unsere Büros in der Nähe haben. Es ergeben sich dadurch Synergien, wodurch wir unsere Leistungen noch wesentlich besser einbringen können.“, sagt Sinnl und unterstreicht, dass „wir mit unseren Kunden in der Regel langfristige, sehr vertrauensvolle Partnerschaften haben, die über 20 Jahre oder noch viel länger gehen.“

Trotzdem muss sich die Industrie dem Arbeitsmarktthema stellen. Laut Zahlen der Austrian Business Agency leiden mehr als 80 % der Industrieunternehmen unter dem Fachkräftemangel, etwa ein Drittel muss deshalb bereits Umsatzeinbußen in Kauf nehmen. Wie stellt sich die Situation konkret für Thales dar?

Hannes Boyer: „Wir befinden uns als Branche in der glücklichen Lage, dass die Auftragsbücher gut gefüllt sind. Man darf sich nicht beschweren, wenn man als Unternehmen wachsen kann, allerdings stehen wir natürlich auch im Wettbewerb mit vielen anderen. Die notwendigen Arbeitskräfte zu finden, ist daher ein echter Kraftakt. Derzeit rekrutieren wir bereits einen hohen Anteil unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem EU-Ausland. Die Arbeitsmarktzahlen sind ja nicht in allen EU-Ländern gleich. Hochqualifizierte Menschen in der EU sind durchaus bereit, ihren Lebensstandort dahin zu verlegen, wo sie Jobs finden.“

Seit Oktober 2021 ist Hannes Boyer Präsident des Verbands der Österreichischen Bahnindustrie. Auch in dieser Rolle beschäftigt ihn das Thema intensiv. Unter dem Motto „Wir bringen den Klimaschutz auf Schiene“ will man als Verband vermitteln: die Bahnindustrie ist Gamechanger in Sachen nachhaltiger Mobilität. Auch die Forschungs- und Entwicklungsdichte von 6,4 % und eine Rekordzahl von Patenten – sowohl in der globalen Bahnindustrie als auch im Österreich-Vergleich – kann sich sehen lassen und zeigt die Innovationskraft der Branche. „Insgesamt spricht alles dafür, ein attraktiver Arbeitgeber gerade für junge Leute zu sein, wo sinnstiftende Jobs immer mehr Bedeutung gewinnen. Nur die Sichtbarkeit fehlt wohl häufig noch. Wir haben höchst attraktive Jobs anzubieten in einer sehr breiten Palette von Technologiebereichen in der Bahnindustrie. Mit 10.000 Beschäftigten erwirtschaften wir in Österreich immerhin, 3,1 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, mit einer traditionell starken Exportquote von Zweidrittel.“, unterstreicht Boyer mit Zahlen.

Michael Sinnl, der selbst jahrelang in Rom im Ingenieurumfeld tätig war, sieht großes Potential bei der Anhebung des Frauenanteils im MINT Bereich. Während in Italien Frauen ganz selbstverständlich in technischen Bereichen zu 50 Prozent vertreten sind, liegt der Frauenanteil in Österreich durchschnittlich noch immer unter 20 Prozent. Was Michael Sinnl besonders nachdenklich stimmt: „Heimische Uni-Professoren sagen mir jetzt, dass in den letzten Monaten ein wesentlicher Rückgang an Hörern auf den Ingenieurfächern an den Unis zu verzeichnen ist. Das bedeutet, dass in drei bis fünf Jahren entsprechend weniger Leute fertig werden. Ob Coronabedingt oder veränderte Interessenslage der Grund dafür sind, sei dahingestellt. Es gibt Prognosen, die von 9.000 Fachleuten weniger in Österreich und bis zu 90.000 fehlenden Fachkräften in Deutschland sprechen.“ Für ihn ist daher klar: Die Bahnindustrie muss attraktiver werden und es müssen Frauen ganz gezielt gefördert werden.

Eine flexible Arbeitsumgebung zu bieten ist mittlerweile keine Option, sondern zu einem Muss-Kriterium bei Bewerbern geworden. Thales hat sich hier in Österreich für einen besonders flexiblen Weg entschieden. Die Mitarbeiter entscheiden selbst, wieviel sie von zuhause arbeiten und wie oft sie ins Büro gehen, ohne Mindestanwesenheiten. Abstimmen muss man sich nur innerhalb seines Teams.  „Wir haben mit diesem Konzept bis dato sehr gute Erfahrungen gemacht. Begleitend haben wir ein Smart Working Konzept umgesetzt, bei dem die Office Umgebung diese neuen Anforderungen abbildet.“, erklärt Boyer, der überzeugt ist, dass man durch Flexibilisierung des gesamten Arbeitsfeldes den Zugang zu Jobs gerade auch für Frauen erleichtert und insgesamt für Familien eine gute Vereinbarkeit schafft.

Insgesamt sieht man als Bahnindustrie einer gleichermaßen spannenden wie herausfordernden Zeit entgegen. Die große Chance, aktiv die Mobilität der Zukunft mitgestalten zu können, muss als Botschaft vor allem bei jenen Talenten ankommen, die es braucht, um die Mobilitätswende mit vereinten Kräften zu stemmen.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Akkodis & Thales. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei Wirtschaftsinsider.

(Beitragsbild – Fotohinweis: Thales)

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